Erläuterungen zu einer vertiefenden Geisteshaltung
Ob eine Meditation gelingt oder am Eigentlichen vorbeigeht, hat damit zu tun, ob es dem oder der Meditierenden gelingt, nicht an den innerlich auftauchenden Gedanken anzuhaften oder an dem, was überdies an Bildern, Gefühlen und Empfindungen im Bewusstsein sichtbar wird. Anhaften an Bewusstseinsinhalten bedeutet, dass das Ego von uns Menschen eine ganz bestimmte Vorstellung oder Erwartung hat, wie etwas sein soll oder wie etwas ablaufen soll. Haftet jemand in geistiger oder emotionaler Weise an, entsteht innerlich eine Weigerung, sich für eine Veränderung zu öffnen. Ein solcher Mensch lebt dann nicht in der Gegenwart, sondern dessen Geist verschließt sich den Veränderungen, die der Moment oder das Leben mit sich bringt. Das ist nicht nur so im alltäglichen Leben, sondern diese negierenden Haltung und blockierende Einstellung taucht auch – oftmals ganz versteckt – beim Meditieren auf.
Einmal kann es vorkommen, dass wir uns mit einer ganz bestimmten Erwartung in die Meditation begeben, dass z.B. ein ganz bestimmtes Problem, unter dem wir vielleicht leiden, sich jetzt lösen lässt oder ganz aus unserem Geist verschwindet. Der Geist fokussiert sich dann in einer durch Gedanken angeordneten Richtung und ist nicht mehr wirklich offen und ungebunden. Vielmehr führt die innere Erwartungshaltung dahin, dass wir eher problematisieren und im schlimmsten Fall bleiben wir in einer Art Kopfkino stecken. Ein Circulus vitiosus von Gedanken und Bildern beginnt und man dreht sich im Kreis.
Eine weitere Möglichkeit für eine falsch verstandene Meditation besteht darin, dass wir eine gute Meditation erreichen wollen. Hier ist natürlich die Frage, was bedeutet gut? Vielleicht eine konzentrierte Meditationssitzung, bei der der Geist nur wenig vom Meditationsobjekt abschweift? Oder dass man eine neue Erkenntnis und Einsicht gewinnt! Oder dass man in der Lage ist, länger im Meditationssitz sitzen zu können als je zuvor! Auch wollen manche Meditierende bestimmte, außergewöhnliche Erfahrungen, die sie in einer früheren Meditationssitzung erlebt haben, in der jetzigen wiederholen. Ein oft genanntes Exempel für das geistige Festhalten von gewissen Erlebnissen, die beeindruckt haben. Bei all diesen genannten Beispielen ist der Geist nicht wirklich offen, sondern man geht mit einem gewissen Wollen und auch Leistungsdenken an das Meditieren heran.
Eng verbunden mit den zuvor geäußerten Fehlformen beim Meditieren ist, dass man sich zu sehr anspannt und auf diese Weise willentlich wieder etwas zu erreichen versucht. So wollen manche Meditierende lange mit offenen Augen meditieren und bekommen dadurch Kopfschmerzen oder zwingen sich in Körperhaltungen, die ihnen nicht gut tun und oder negieren ansteigende Schmerzen, weil sie meinen, sie müssten das jetzt aushalten. Andere wiederum meinen, sie müssten eine ganz bestimmte Zeitspanne in Meditation verbringen. Bei dieser Art des Durchhaltens verspannt nicht nur der Körper, sondern auch der Geist.
Bei all diesen Formen der Meditationspraxis haftet der Geist an, hält innerlich gewisse Einstellungen fest und erweist sich nicht als offen. Eine Art Ego entsteht somit, dass sich selbst in dieser oder jener Weise definiert. Ein Ego zeichnet sich dadurch aus, dass es entweder etwas will oder nicht will, dass es etwas haben oder auch nicht haben will und drittens etwas wissen will oder nicht wissen will. In gelingender, achtsamer Meditation sehen wir genau, wie dieses Ego in seinem unterschiedlichen Wollen immer wieder in uns auftritt und den inneren Raum des Bewusstseins ausfüllt. Der Geist, der in dieser Weise vom Ego beeinflusst wird, ist nicht in der Lage, sich den sich ständig ändernden Gegebenheiten fortwährend anzupassen. Vielmehr findet in diesem geistigen Bewusstseinsraum ein Festhalten statt, ganz bestimmte Vorstellungsbilder, Gedankenkonzepte oder auch Gefühle herrschen vor, die sich nicht verändern und auflösen dürfen. Oftmals läuft dieser Prozess unbewusst im Geistesleben ab.
Offenheit im Geist bedeutet dagegen, dass wir in jeglicher Hinsicht nichts erwarten, sondern bei der Samathapraxis immer wieder sehr achtsam zu sehen versuchen, was in unserem Bewusstsein gerade geschieht. Sind wir z.B. am Denken oder Fühlen, nehmen wir diese inneren Aktivitäten bewusst wahr, erkennen also wirklich, was gerade in uns geschieht. Des Weiteren lassen wir all diese geistigen Aktivitäten wiederkehrend los, indem wir beharrlich zum bewusst erlebten Atmen zurückkehren. Aber auch hier steuern oder manipulieren wir den Atem nicht, wollen nicht langsamer oder tiefer atmen, sondern erleben sehr bewusst, wie und in welcher Weise das Atmen geschieht. So lehrte der Buddha im Anapanasati Sutra: „Während eines langen Einatmens weiß man: “Ich atme lang ein.“ Während eines langen Ausatmens weiß man: Ich atme lang aus.“ Und: „Während eines kurzen Einatmens weiß man: “Ich atme kurz ein.“ Während eines kurzen Ausatmens weiß man: “Ich atme kurz aus.“ Das heißt, ganz gleich, wie das eigene Atmen geschieht, wir sind uns dieses Atmens bewusst und lassen es ganz frei geschehen, ohne uns willentlich in irgendeiner Weise einzumischen oder versuchen, dieses zu manipulieren.
In der Samathapraxis geht es vor allem darum, zu lernen und zu üben, den Geist so zu konzentrieren und zu sammeln, dass er nach und nach eins gerichteter werden kann. Gedanken, Bilder und Gefühle können so mit der Zeit weniger werden und gleichzeitig wird der Geist auch ruhiger. Ziel der Samatha-Meditationspraxis ist es, sowohl im Körperlichen als auch auf der emotionalen Ebene und im Gefühlsbereich eine vertiefte Ruhe zu erfahren.
Ein weiteres, weitreichendes Ziel besteht zudem darin, dass sich die Gedankenwelt beruhigt und wir somit immer besser beim Meditationsobjekt des bewusst erlebten Atmens achtsam und klar verbleiben können. In dieser Weise werden Körper und Geist stabil und ruhig. Man nennt diesen Geisteszustand Samadhi. Samadhi zeichnet sich dadurch aus, dass geistiges Anhaften und Festhalten befreit und transzendiert wird. Der Geist haftet nicht mehr an materiellen Objekten an, an bestimmten Ansichten und Meinungen wie auch an Regeln und Riten. Vor allem verhilft uns Samadhi dazu, das Anhaften an „Ich“, „mir“ „mich“ und „mein“ zu überwinden. Samadhi weist das Ego in seine Schranken. Doch die Frage bleibt, gibt es überhaupt ein Ego, so wie es viele Menschen verstehen?
Lässt dennoch mit der Zeit durch weniger Praxis oder vermehrte Unruhe im Leben die Konzentration jedoch nach, vermindert sich auch die bisher erlebte Geistesruhe. Da diese Geistesruhe auf der Grundlage einer ausschließlichen Konzentration nicht stabil ist, sollte die Samathapraxis zu einer Erweiterung und Vertiefung hinfinden, die als Vipassana-Meditation bezeichnet wird. Vipassana bedeutet Einsicht, Klarblick, vertiefte Erkenntnis oder auch klares Sehen. Man könnte Vipassana-Meditation auch als Kontemplation bezeichnen. Dieses Wort stammt von dem lateinischen Verb contemplare ab, das mit beobachten, aus der Nähe etwas betrachten übersetzt werden kann. In der Kontemplation geht es nicht so sehr um Reflektieren und über etwas Nachdenken, sondern um einfaches Sehen dessen, was im Geist oder im Leben auftaucht.
Um zu diesen Qualitäten zu gelangen, reicht bloße meditative Innenschau meines Erachtens nicht aus. Ruhe im Geist zu finden ist ein Wert an sich, ist wichtig, aber es braucht noch etwas anderes. Demgemäß bedarf es auch des Sich-beschäftigens mit den Weisheitslehren der verschiedenen Traditionen unserer Welt, die – nach Seneca[1] – die Jahrhunderte und Jahrtausende überdauert haben. Gerade darin, dass diese Lehren von Generation zu Generation weitergegeben worden sind, zeigt sich auch ihr hohes Reservoir an wirklichem Wissen über das, was wahr und wirklich ist. So ist also ein bestimmtes Wissen nötig, das die Weisheitstraditionen zur Verfügung stellen, um tiefer sehen und verstehen zu können. Klares Sehen auf der Basis eines umfassenden Wissens liefert die Voraussetzungen, so dass tiefgründige, dauerhafte Weisheit in einem Menschen entstehen kann.
In der Samathapraxis sind wir noch mit allerlei dualistischen Denkoperationen beim Meditieren beschäftigt. Wir denken noch intensiv nach über das, was sich in der Vergangenheit an diesem oder jenem zugetragen haben mag oder was in der Zukunft wohl auf uns zukommen wird. Doch bei dem Kontemplieren von Vipassana geht es um etwas anderes. Um dieses zu ermöglichen, muss der Geist konzentriert und auch beruhigt sein, was die Aufgabe der Samatha-Meditation ist, sonst ist Vipassana nicht vollständig möglich.
So passiert es uns beim Meditieren immer wieder, dass wir in gewisse Geschichten oder Erinnerungen als auch Pläne für die Zukunft eintauchen und diese intensiv durchdenken und weitere Fantasien lebhaft innerlich ausgestalten. Inhaltlich beschäftigen wir uns mit allerlei Hemmungen und Fähigkeiten des Geistes, setzen uns beim diskursiven Denken mit verschiedenen Formen der Gier und des Ärgers, der geistigen Stumpfheit, Mattigkeit oder des Zweifels auseinander. Bei dieser meditativen Ebene von Samatha benutzen wir „das Denken, um die konventionelle Realität zu kontemplieren.“[2] Meditation zum Beruhigen und Konzentrieren des Geistes bedeutet somit intensives Reflektieren und Nachdenken über die unterschiedlichsten Lebenssituationen in konkreter wie auch abstrakter Weise. Themen sind oftmals allerlei Arten von geistigen Verblendungen, emotionalen Verwirrungen und leidenschaftlichen Wallungen, um so innerlich schmerzliche Erlebnisse zu heilen und zu transzendieren.
Samatha empfiehlt uns dabei, beharrlich zum bewusst erlebten Atmen zurückzukehren und auf diese Weise all diese Geschichten, Fantasien und oftmals auch unheilsame Geisteszustände von Atemzug zu Atemzug loszulassen. Auf diese Weise entwirren wir vergangene Traumata und Situationen, die uns Unglück und Gram gebracht haben. Aber das dualistische Denken in Leid und Kummer, in Freude und Glück muss auch ein Ende finden.
In Vipassana als Kontemplationspraxis gehen wir mit diesen inneren Gedankenfassungen, mit diesen im Bewusstsein aufsteigenden Vor- und Einstellungen ganz anders um. Kontemplieren bedeutet, dass wir lernen, Gedanken als reine Gedanken anzusehen, Gefühle als bloße Gefühle und innere Bilder als Bilder anzuschauen, die in uns auftauchen, eine gewisse Zeit vorhanden sind und dann auch von selbst wieder verschwinden, weil anderes an deren Stelle tritt. Sie können deshalb wieder verschwinden, weil wir ihnen keine Realität zusprechen, uns nicht mit ihnen gleichsetzen und identifizieren. „Wenn Ihr Denken schlicht als Denken sehen könnt, ist das Weisheit.“[3]
So ist z.B. das Kuchenrezept, das wir im Backbuch nachlesen, nur ein Rezept, das Auskunft darüber gibt, wie wir einen Kuchen backen können. Aber das Rezept auf Papier ist in keinster Weise der fertige, köstliche Kuchen. So sind gleichermaßen Gedanken nur bloße Gedanken und keine tatsächliche Wirklichkeit. Wir verstehen, dass all diese inneren Eingebungen unbedeutende Gehirngespinste sind, die von uns auf einen inneren geistigen Bildschirm projiziert werden. Haften wir an diesen Gespinsten an, halten sie für real, identifizieren wir uns mit diesen inneren Aussagen, denen wir eine tatsächliche Wirklichkeit und Existenz zuerkennen. Je mehr wir ihnen glauben und sie für wahr erachten, umso mehr verwickeln wir uns in ihnen und der Weg in Kummer und Leid ist gebahnt. Um diese geistigen Verwirrungen aufzulösen hat Gautama Buddha in seinen Lehrreden drei Sätze der Weisheit verkündet: „Das bin ich nicht!“ „Das ist nicht mein Selbst!“ „Das gehört mir nicht!“ Diese Sätze tiefgründiger Weisheit lassen uns bewusstseinsverändernd verstehen, dass wir von unserem ganzen Wesen nicht das sind, was Gedanken, Bilder und Gefühle uns erzählen. Der Mensch an sich ist mehr als das, was ihm Gedanken und Gefühle erzählen wollen.
Vipassana schaut somit nicht auf den Inhalt einer vom eigenen Geist erzählten Geschichte, sondern sieht diese Erzählung oder dieses innerlich aufgestiegene Bild als eine Projektion, die der Mensch sich selbst und anderen aufgrund bestimmter Erfahrungen mitteilt. Solange eine Geschichte heilsam und positiv ausgeht, quasi ein „happy end“ besitzt, mag das noch angehen. Schwierig für einen Menschen wird allerdings eine leidvolle und schmerzliche Erzählung, die sich immer wieder in Gedanken, in Gefühlen und Bildern innerlich wiederholt und die auch anderen Personen in eben dieser Weise berichtet wird. An einer solchen Darstellung der Lebensgeschichte wird einseitig angehaftet und nach und nach zementiert sich das Leben auf dieser Grundlage ein.
Kontemplieren könnte man demnach vergleichen mit einer Konstellation, bei der wir in einem langsam fahrenden Zug sitzen und aus dem Fenster schauen. Dabei fahren wir an Wäldern, Wiesen, Dörfern, Straßen und Bächen vorbei, an Brücken, Häusern und Türmen, wir sehen Menschen und Tiere, fahrende Autos und Lastwagen, und vieles mehr. Alles sehen wir genau und scharf. Doch wir halten das, was wir sehen, nicht innerlich fest, sondern es entschwindet ständig wieder aus unserem Geist, nachdem wir dieses spezielle Objekt deutlich gesehen haben. Dieses geschieht, weil der Zug, in dem wir uns befinden, nicht stehen bleibt, sondern unablässig fährt. So erscheinen ständig neue Objekte vor unseren Sinnesorganen, die kurze Zeit später auch wieder entschwunden sind.
Es geht also beim Kontemplieren nicht darum, über die gesehenen Einzelheiten in besonderer Weise nachzudenken oder zu reflektieren, sondern ein Objekt als das was es ist zu erkennen. Es geht jetzt nur noch um das klare Sehen. So lehrte der Buddha:
„Was ist echte (erfüllende) Achtsamkeit?
Man verweilt im Betrachten des Körpers als Körper, eifrig, klar bewusst und achtsam, hat Verlangen und Verdruss abgelegt. …
Man verweilt im Betrachten der Gefühle als Gefühle.
Man verweilt im Betrachten von Geisteszuständen als Geisteszustände.
Man verweilt im Betrachten von Dharma als Dharma, eifrig, klar bewusst und achtsam, hat Verlangen und Verdruss abgelegt.“
(Buddha, aus der Mittleren Sammlung)[4]
Gedanken sind somit nichts als Gedanken, Empfindungen sind bloße Empfindungen, Gefühle erleben wir als Gefühle, Bilder werden als Bilder wahrgenommen. Der Geist projiziert nichts Zusätzliches hinzu, hat kein Verlangen auf mehr noch widerstrebt er dem, was im Geiste erscheint. Alles darf so sein, wie es ist. Nichts mehr und auch nichts weniger. „Wenn Ihr die Dinge, die im Geist entstehen, als das anseht, was sie sind, dann braucht Ihr mit dem Denken nicht mehr zu arbeiten.“[5]
Wichtig ist zu verstehen, dass es nicht darum geht, dass bestimmte Erlebnisse und auch schmerzhafte Erfahrungen umgedeutet werden sollen, dass sie angenehmer klingen und positiver erscheinen oder in ihrem Wahrheitsgehalt geleugnet werden sollen. Vipassana in dieser Weise zu verstehen bedeutet, alles misszuverstehen. Klares Sehen führt uns dahin, dass wir uns in die Lage bringen, ganz gleich, was wir für Lebenserfahrungen gemacht haben, diese durch Einsicht in die wahre Natur unseres Geistes nach und nach auch loslassen können. Wenn wir Gedanken als bloße Gedanken wahrnehmen können und ihnen keine Realität zusprechen, können wir sie mit der Zeit innerlich loslassen, so dass sie hinwegschmelzen.
So werden im Februar oder im März die Tage länger und auch wärmer, weil die Sonne am Firmament höher und höher steigt. Je mehr die Sonnenstrahlen an Kraft zunehmen, umso mehr schmilzt der Schnee, bis nur noch Wasser übrig bleibt. Ähnliches passiert in uns. Haften wir innerlich nicht an bestimmten Erlebnissen, Sichtweisen und Konzepten an, sondern sehen sie als das was sie sind, können wir uns für neue Denk- und Verhaltensweisen öffnen, die nachhaltiger, angenehmer oder auch heilsamer sind. Solange der Geist aber auf eine beharrlich vertretenen Sichtweise festgelegt ist und daran festhaftet, obwohl das Lebens in neue Bahnen weitergeflossen ist, wird auch das Verhalten mehr oder weniger von dieser Einstellung bestimmt.
Mit dem Dahinschmelzen der Geistes- und Gefühlszustände schmilzt jedoch auch das althergebrachte Verständnis eines Egos. Wir begreifen, dass ein Ego nicht aus sich selbst heraus existieren kann, sondern ein Konstrukt ist, in das alle bisherigen Lebenserfahrungen einmünden. Und so wie Sicht- und Verhaltensweise ein vermeintliches Ego ausbilden, so öffnet ein vertieftes Bewusstsein und geweitetes Erkenntnisvermögen den Blick für neue Auffassungen, Handlungsweisen und Reaktionen.
Ebenso trägt – im Bilde gesprochen – das Wasser eines Flusses alle Informationen in sich, die es im Laufe seines Fließens von der Quelle bis zu einem gewissen Ort gesammelt hat. Die Informationen sind also im Wasser vorhanden, aber das Wasser ist an unzähligen Orten vorbeigeflossen und fließt zukünftig an vielen weiteren und unbekannten Orten vorbei. Das Charakteristische eines Flusses ist, dass er fließt. In ähnlicher Weise haben wir in unserem bisherigen Leben vieles erfahren und erlebt: Angenehmes, Unangenehmes, Schönes, Hässliches, dieses und jenes. Vipassana will uns all diese erlebten Ereignisse und erfahrenen Geschehnisse, oft auch mühsam erworbene Fertigkeiten und Kenntnisse, nicht wegnehmen. All das, was wir im Leben als auch in der Meditation erinnern, darf erinnert werden. Gleichwohl halten wir diese inneren Memoiren und Lebensbeschreibungen nicht in einer bestimmten Weise und Form fest oder wehren uns dagegen, sie wahrzunehmen, sondern sie dürfen sich verändern. Indem wir uns in die Lage versetzen, Erinnerungen als Erinnerungen zu sehen, Bilder als Bilder, Gefühle als Gefühle, die jetzt wieder auftauchen, dann sind wir gleichzeitig in der Lage zu sehen, dass „das Wasser des Flusses weitergeflossen ist und sich nicht mehr im tosenden Wasserfall befindet“. In ähnlicher Weise lassen wir in der Kontemplation alle inneren Aktivitäten weiterziehen, so dass auch unser Leben fließen kann und nicht ins Stocken gerät.
Wenn in der Meditation quälende Gedanken auftauchen, die uns an frühere Geschehnisse erinnern, dann verhilft uns die eingeübte Vipassanapraxis, diese Erinnerungen als Gesamtes loszulassen. Wir wissen, diese peinigenden und vielleicht qualvollen Begebenheiten sind vergangen. Ein achtsamer und klar bewusster Geist weiß, was vergangen ist und dass jetzt nur eines gilt: die Gegenwart. Dieses bewusste Sein in der Gegenwart lebt von Moment zu Moment, von Augenblick zu Augenblick und haftet nicht an etwas an, das schon längst nicht mehr vorhanden ist, weil es vergangen ist. Unser Leben steht nicht mehr still, sondern fließt lebendig in der Gegenwart.
Klaus Eitel
[1] Seneca, De brevitate vitae – Von der Kürze des Lebens, Reclam Verlag
[2] Ajahn Chah, Was ist Kontemplation, siehe unter: http://www.ajahnchah.org/deutsch/was_ist_kontemplation.php
[3] ebenda
[4] Zitiert aus: Christopher Titmuss, Achtsamkeits-Trainingskurs; unveröffentlichtes Manuskript, 2011, S.19
[5] Ajahn Chah, ebenda
